Gelassenheit

Ich werfe selten die Nerven weg, aber zwei Dinge machen mich wirklich unrund. Ich tue mir enorm schwer damit, unpünktlich zu sein – auch bei völlig unwichtigen Terminen – und ich bekomme enormen Stress, wenn ich mich verirre. Meine zwanghafte Überpünktlichkeit wurzelt in meiner Kindheit. Auf meine Mutter mussten wir oft warten, mein Vater war pünktlich wie die Uhr. Ich habe mich damals einfach für die Papa-Pünktlichkeits-Prägung entschieden.

Dass ich mich immer wieder verirre, obwohl ich so ein gutes Bauchgefühl habe, finde ich eigenartig. Allerdings scheint mein Orientierungssinn wirklich nicht der beste zu sein. Es passiert mir regelmäßig, dass ich mich in Damen-WCs verirre. Statt bei der Tür raus in die Nachbarkabine rein. Oder dass ich ins Herrenklo platze statt zurück ins Lokal zu finden. Oder gegen den Spiegel laufe statt zur Tür hinaus. Viele Varianten, alles probiert.

Verloren im Wald und am WC

Auf der Uni habe ich sogar „Orientierungslauf“ belegt, um zu lernen, mich besser zurechtzufinden. Mit dem Effekt, dass ich oft völlig ratlos und allein auf einer Wienerwald-Wiese stand, mit einer für mich nutzlosen Karte und einem Kompass bewaffnet. Ich tue mir nämlich beim Kartenlesen und Himmelsrichtung-Finden richtig schwer. Auch Google-Maps ist mir absolut keine Hilfe. Außer es spricht laut zu mir und ich bin gerade bereit, der Stimme zu glauben. Ich schaffe es nicht einmal, mein Car2Go zu finden, wenn mir das Smartphone den Weg in blauen Punkten genau dorthin anzeigt. Ich habe es sogar hinbekommen, mich im wirklich nicht riesigen Türkenschanzpark zu verirren, obwohl ich da jede Woche mindestens einmal bin und jede Ecke und jeden Baum kenne.

Geschenkte Gelassenheit

Wenn ich spät dran bin plus den Weg nicht finde, bin ich gestresst wie sonst nie. Und das ist mir vor kurzem ausgerechnet passiert, als ich einen „Gelassenheit“-Stein ausgeliefert habe. Auf einer Geburtstagsfeier war ich mit einer Frau ins Gespräch gekommen, die mir viel Persönliches erzählte. Als sie mich fragt, was ich beruflich mache, erzähle ich ihr von meinen Steinen. Sie kann nicht wirklich viel damit anfangen, fragt mich, wie sie „funktionieren“, ob man sie herumträgt oder einfach wo hinlegt. Ich versuche ihr, meine Steine zu erklären, tue mir ein bisschen schwer damit. Letztendlich biete ich an, ihr einen Stein zu machen, der zu ihr passt.

Am nächsten Tag denke ich an diese Begegnung und spüre genau hin. Es kommt immer wieder das gleiche Wort. „Gelassenheit“. Ich bin unsicher, ob ich das wirklich darf: einer mir völlig Fremden mitteilen, wie sie denn zu sein habe und ihr weiszumachen, was ihr helfen könnte. Dennoch zaubere einen Stein in fröhlichen Farben und schreibe ihr ein paar Zeilen zum Thema „Sein lassen“ und Akzeptanz. Auch das tue ich mit der Befürchtung, übergriffig zu wirken. Da sie in der Nähe wohnt, packe ich am kommenden Morgen den Stein ein und mache mich in Richtung ihrer Adresse auf.

Intuition versus Google Maps

Und dann beginnt meine eigene Gelassenheits-Übung. Ich habe genau zwanzig Minuten Zeit, dann muss ich in der Straßenbahn unterwegs zu einem vereinbarten Frühstück sitzen. Sollte sich ja leicht ausgehen, ich habe mir die Adresse angesehen und kenn die Sackgasse ganz oben am Schafberg von meinen Spazierrunden. Doch dann mache ich einen entscheidenden Fehler und befrage zur Sicherheit Google Maps. Ich biege zu früh ab – vergurke mich, finde die Hausnummer nicht, gehe in die falsche Richtung, verliere die Nerven, und den Berg hinauf keuchend beginne ich an der ganzen Liefer- und Stein-Aktion zu zweifeln, will schon aufgeben und einfach wieder die nächste Gasse runter zur Bim laufen. Doch dann greife ich selbst nach dem Gelassenheits-Stein. Ich atme tief durch, beginne wieder, die wunderschöne Natur mit all den blühenden Rosen rund um mich herum wahrzunehmen, höre auf hektisch zu rennen und in meiner Quando-App zu checken, welche Straßenbahn ich grade versäume und wie viel zu spät ich sein werde.

Gut und richtig

Stattdessen beruhige ich mich im Geiste selbst. „Es geht sich schon aus“, „Es ist egal, wenn ich einfach mal ein paar Minuten zu spät bin“, „Ich ziehe das jetzt durch“, „Es ist gut und richtig, was ich da gerade mache“. Schon entspanne ich mich, finde das Haus natürlich genau da, wo ich es vor meinem geistigen Auge ohnehin immer gesehen habe, stecke den Stein in den Postkasten zwischen Berge von Werbematerial – wieder leichte Zweifel, ob er denn gefunden wird – und mache mich auf zu meinem nächsten Termin, zu dem ich mich tatsächlich nur ein paar Minuten verspäte. Gerade so viel übrigens, dass meine Freundin mit dem Hund noch entspannt im Park vor dem Lokal Gassi gehen konnte.

Keine drei Stunden später ist ein Mail von der Beschenkten in meinem Postfach, in dem sie sich so reizend für den „Gelassenheit“-Stein bedankt, dass auch mein Herz vor Freude hüpft. Schon am nächsten Tag kommt sie zu mir, um weitere Steine zu holen und erzählt mir mit feuchten Augen, was der Stein bereits bewirkt hat, wie gut er ihr gefalle, dass er jetzt immer in ihrer Nähe sein würde und wie unglaublich dankbar sie dafür sei. Dann kauft sie mehrere Steine für ihre Freundinnen, eine Maturfeier und eine Taufe, wir umarmen uns und wissen, wir sehen uns bald wieder.